Aufgabenreiten

Erschienen am 16.10.2012

… eine große Aufgabe

Aufgaben zu reiten, ist gar nicht so einfach. Wenn man zu Hause für sich selbst trainiert, kann man einzelne Lektionen immer wieder wiederholen, bis sie möglichst korrekt sind. In einer Prüfung sieht das anders aus. In wenigen Minuten folgen verschiedene Lektionen in schnellen Folgen aufeinander und es bleibt einem wenig Zeit, sie vorzubereiten. Wenn eine Lektion dann nicht korrekt erfolgt, wird es für die Ausführung der Darauffolgenden gleich umso schwerer.

In unserer angedachten Aufgabe haben wir gerade Mitte der langen Seite eine Volte geritten. War diese nicht rund, das Pferd nicht korrekt gestellt und gebogen, wird es bei dem jetzt folgenden Schulterherein gleich umso schwieriger. Das Pferd wird schnell im Hals zu eng, weicht über die Schulter aus, die korrekte Längsbiegung geht verloren. Reiter neigen dann dazu, das Pferd mit zu viel Einwirkung durch die Hand "nach innen zu ziehen", sitzen dabei oft nach außen herunter, statt den inneren Bügel vermehrt auszutreten, die äußere Hand wird über den Mähnenkamm nach innen gezogen, obwohl man ja eigentlich weiß, dass die linke Hand immer auf die linke Seite des Pferdehalses gehört und die rechte Hand auf die rechte Seite.
Ade korrektes Schulterherein!

"Schulterherein fest zu begründen, und die vielen Fehler, zu denen es leicht Veranlassung geben kann, sicher zu vermeiden, gibt es nur ein Mittel, nämlich es geduldig und beharrlich mit langsamer Steigerung seiner verschiedenen Grade zu üben." (Gustav Steinbrecht - "Gymnasium des Pferdes", 1884)

Das wesentliche am Schulterherein ist die Rippenbiegung. Diese muss gleichmäßig durch die gesamte Wirbelreihe gehen. Durch die Rippenbiegung werden die inwendigen Beine beim Reiten stärker belastet und zu mehr Lastaufnahme veranlasst. Es zeigt sich bei korrekter Ausführung die höchstmögliche Rippenbiegung und gleichzeitig Biegsamkeit des Hinterbeines, ohne Beeinträchtigung der richtigen Vorwärtsbewegung.

Auch erkennt man richtiges Schulterherein am eigenen Sitz, denn der Reiter erhält einen leichten Hang nach innen. Der innere Schenkel hat automatisch mehr Fühlung am Pferd, da sich durch die Anspannung der Muskeln der inneren gebogenen Seite die innere Hüfte des Pferdes mehr senkt.

Schulterherein gehört zu den wichtigsten Lektionen, die ein Pferd erlernen sollte. Dabei ist es gleichgültig, ob es ich um ein Dressur-, Spring- oder Freizeitpferd handelt.

Da sich beim Schulterherein schnell Fehler einschleichen, die später nur langsam wieder zu beseitigen sind, übt man den Bewegungsablauf in der Anfangszeit erst einmal im Schritt. Reiter und Pferd können darüber Hilfengebung und Ausführung am einfachsten verinnerlichen. Durch das Schulterherein wird das Pferd an die stärkere Längsbiegung gewöhnt. Schulterherein wird auf drei Huflinien (1. Huflinie: äußeres Hinterbein, 2. Huflinie: inneres Hinterbein und äußeres Vorderbein, 3., Huflinie: inneres Vorderbein) ausgeführt. Betrachtet man Schulterherein von vorne, dann verdeckt das äußere Vorderbein bei korrekter Ausführung die Sicht auf das innere Hinterbein.

Bei dieser Demonstration haben wir das Pferd im Hals zu viel abgestellt. Rippenbiegung ist keine vorhanden. Häufig sieht man eine solche Ausführung.

Bei dieser Demonstration haben wir das Pferd im Hals zu viel abgestellt. Rippenbiegung ist keine vorhanden. Häufig sieht man eine solche Ausführung.

Durch die Abstellung von heute 30 ° kann das Pferd die von den Hinterbeinen ausgehende Schubkraft nicht mehr nur nach Vorne entwickeln, sondern wird veranlasst, sich mehr aufzunehmen, die Hinterbeine werden mehr gebogen, dadurch mit der Zeit elastischer und treten weiter unter den Schwerpunkt. Wenn Pferde dem innere Schenkel nicht genügend weichen und dadurch mangelhaft gebogen sind und zwar meist zu viel im Hals und zu wenig im Genick und in der Rippenpartie, kann man neben dem normalen Schulterherein auch das Konterschulterherein reiten.

Durch die Abstellung in Richtung Bande - drängt das Pferd beispielsweise gegen den inneren (meist linken) Schenkel - erhält der Reiter eine zusätzliche Stütze, denn seitwärts ausweichen kann das Pferd durch die Begrenzung nicht mehr. Es muss mehr Last mit der Hinterhand aufnehmen.

Wenn Bewegungsablauf und Hilfengebung von Reiter und Pferd verinnerlich sind, sollte man beginnen, das Schulterherein im versammelten Trab beispielsweise über eine Volte oder einer Ecke einzuleiten. Durch die gut gerittene Ecke oder Volte lassen sich Stellung und Biegung in die Lektion mit hinein nehmen. Um Schulterherein richtig reiten zu können, sind wie bei allen Übungen und Lektionen die einleitenden und begleitenden halben Paraden unerlässlich. Sie bereiten das Pferd vor, aktivieren das Hinterbein, regulieren das Tempo, kontrollieren das Genick.

Da die Gewichtsverlagerung nach Innen durch die Verlagerung der Schenkel in ihre entsprechende Position erfolgt, ist es nicht notwendig, sich besonders nach Innen herunter zu setzen, denn dann knickt man nur in der Hüfte ein. Der am Gurt liegende innere Schenkel sorgt dabei für die Biegung, die man immer erhalten muss. Liegt der Schenkel zu weit hinten, gehen Biegung wie auch Vorwärts-Seitwärts-Bewegung, allzu oft auch der reine Takt verloren, da die zu starke Abstellung das korrekte Übertreten verhindert. Das Pferd wird sich dann sehr schnell verspannen, manche Pferde werden hektisch und eilig, die Tritte ungleichmäßig. In einem solchen Fall sollte man das Schulterherein beenden, einige Meter geradeaus, dann wieder eine Volte reiten, um erneut zum Schulterherein anzusetzen.

Fällt das Pferd mit dem äußeren Hinterbein aus und bewegt sich nur seitwärts und nicht genügend vorwärts, fehlt der Vorhand die notwendige Stütze, so dass relative Aufrichtung und richtige Anlehnung verloren gehen. Die Pferde kommen mit der Nase hinter die Senkrechte, verwerfen sich im Genick und drücken nicht selten in die Hand. In solchen Fällen helfen die halben Paraden am äußeren Zügel in Verbindung mit dem treibenden inneren Schenkel. Die innere Hand muss dabei gefühlvoll nachgeben, sonst wird die innere Schulter blockiert. Die äußere Hand die Biegung im Hals zulassen, sonst würde sich das Pferd im Genick verwerfen. Auch muss man mit dem äußeren Schenkel ausreichend treiben, um den Vortritt des Hinterbeines energischer zu gestalten. Der äußere Zügel fängt die Bewegung soweit auf, dass es nicht mehr ein reine Vorwärtsbewegung wird, sondern auch eine tragende und stützende. Nur so wird die versammelnde Wirkung des Schulterherein erzielt.

"Wenn ich nunmehr dieses wichtige Kapitel schließe, so geschieht es mit der ernsten Mahnung an jeden Reiter, das Studium des richtigen Schulterherein unermüdlich zu betreiben und es als Hauptstütze der ganzen Dressur zu betrachten, durch die er aus dem Pferd nicht nur alles das gewinnen und entwickeln kann, was die Natur ihm mitgegeben hat, sondern auch Fehler in Haltung und Gang, die sich durch falsche Arbeit eingeschlichen haben, gründlich zu beseitigen vermag. Reiter, die die wunderbare Macht dieser Lektion vollkommen erkannt haben, mühen sich nicht ab, ihre Pferde durch dauernden Wechsel der verschiedensten Stellungen biegsam und gehorsam zu machen, denn sie wissen, dass aus dem richtigen Schulterherein alle Schulen hervorgehen, deren sie zur Erreichung des vorgesteckten Ziels bedürfen, sei dies die wohlbegründete Richtung ins Gleichgewicht, sei es die auf die Hanke." (Gustav Steinbrecht)

Befolgen wir das, was Gustav Steinbrecht hier formuliert, kann es in einer Prüfung eigentlich nur noch zu einer mehr als guten Bewertung führen.  (Anne Schmatelka)

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