Neustadt/Dosse (03.-06.01.2008)
Erschienen am 13.03.2008
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Mario Stevens gewann den Großen Preis
Sechs Siege für Reiter aus Mecklenburg-Vorpommern beim CSI in Neustadt/Dosse
Mit einem deutschen Sieg im "Großen Preis von Lübzer" endete die neunte Auflage des CSI Neustadt/Dosse. Der 24-jährige Mario Stevens (Lastrup) siegte im Stechen unter neun fehlerfreien Bewerbern aus dem Normalparcours mit der schnellsten Nullrunde. Sein Pferd, den 14-jährigen Mc Kinley, hat er vom schwedischen Nationenpreis-Reiter Rolf-Göran Bengtsson übernommen, der mit dem Vierbeiner erfolgreich die Olympischen Spiele in Athen bestritt. "Mein Pferd hat sehr gut gekämpft und seine Erfahrung ausgespielt", kommentierte Stevens seinen Siegesritt in 39,89 Sekunden. Vorjahressiegerin Katharina Offel aus Köln, die für die Ukraine startet, konnte ihren Titel nicht verteidigen, weil sie Mutterfreuden entgegen sieht
Im Großen Preis erlebten die Zuschauer in der vollbesetzten Graf-von-Lindenau-Halle erstklassigen und spannenden Sport. Dabei scheiterten die Favoriten wie Marcus Ehning, Holger Wulschner (11. Platz), Lars Nieberg, Theo Muff (Schweiz) oder die Samstags-Siegerin Charlotte Lund (Dänemark) serienweise.
Ins Stechen kam auch der erfahrene 43-jährige Alois Pollmann-Schweckhorst (Mühlen). Er entschied sich kurzfristig für den zehnjährigen Mecklenburger Chacco-Blue, einem Hengst aus der Vererberriege von Paul Schockemöhle, der zuvor schon in zwei Hengstspringen drei fehlerfreie Runden lieferte. Der Einsatz des phantastisch springenden Mecklenburgers, der bei Familie Plath in Poel das Licht der Welt erblickte, wurde mit weiteren zwei Nullrunden und dem 3. Platz in dem mit schwierigen Linien gebauten Parcours belohnt. Der 2. Platz ging in die Niederlande an Gerald Geessink auf Casco.
Für zuchtinteressierte und Besucher, besonders aus MV, waren die Auftritte von Alois Pollmann-Schweckhorst mit dem Mecklenburger Chambertin-Sohn Chacco-Blue eine Augenweide. Mit mächtigen Muskelpartien ausgestattet, sprang er auch größte Höhen noch wie zu Bundeschampionatszeiten mit brillanter Technik. Es waren Werbeauftritte für die Mecklenburger Zucht.
Im Hauptspringen am Samstag gab es einen dänischen Sieg. Charlotte Lund lieferte von sechs fehlerfreien Runden die schnellste. Die 28-jährige Nationenpreis-Reiterin, die mit dem WM-Einzeldritten von 1994, Sören von Rönne, liiert ist, wird in Kürze in eine Anlage vor den Toren Hamburgs einziehen. Sie siegte mit 13 Hunderstelsekunden Vorsprung vor dem Schweizer Theo Muff auf Karonda (0/38,78) und dem Niederländer Mathijs van Asten (0/39,42), Bruder des Oranje-Auswahlreiters Leopold van Asten, der in Mannheim 2007 mit den Holländern Team-Europameister geworden war.
Wenn die Top-Reiter aus Mecklenburg-Vorpommern (durch Krankheit etwas dezimiert) in diesen beiden Springen auch über Achtungserfolge nicht hinaus kamen, so konnten sie im Verlauf des Turniers jedoch sechs Prüfungen für sich entscheiden. Das Hauptspringen am Freitag sicherte sich in einem Feld von 65 Startern Derbysieger Andre Thieme, der für den "Alten Landsitz” in Sommerstorf reitet. Die Besucher in der Graf-von-Lindenau-Halle feierten den Reiter aus Plau, der mit Cilest förmlich über die Hindernisse flog. Bis zum 40. Reiter führte der erste Starter, Jürgen Stenfert aus den Niederlanden. Kaum, dass der Sprecher Christian Graf von Plettenberg darauf hingewiesen hatte, ritt der Springreiter aus Plau in den Parcours. Auf dem Weg zum zweiten Hindernis riss er das komplette Hindernis Nummer acht mit dem Knie um. Da begann für die Parcoursmannschaft ein Wettlauf mit der Zeit. Thieme ritt mit vollem Speed weiter, dabei trat sich die Convoi-Stute sogar noch ein Eisen ab. Das flog in die Zuschauermenge, zum Glück ohne Folgen. Der Reiter ritt weiter zum achten Hindernis, das die schnell reagierende Parcoursmannschaft inzwischen wieder aufgebaut hatte. Der Sieg im Preis der KMG Kliniken AG, drei Sekunden schneller als Jürgen Stenfert, war redlich verdient. "Ich möchte mich besonders beim Parcourskommando bedanken, die den Sprung so schnell wieder aufgebaut haben, dass es noch zu einem regulären Ergebnis kam”, bedankte Thieme sich bei der Siegerehrung und fand zudem zur gesamten Veranstaltung lobende Worte. Am nächsten Tag gab es für Andre Thieme auf Cilest in einem internationalen Zeitspringen noch einen 3. Platz. Auch in diesem Springen gab es für Mecklenburger Züchter Grund zur Freude, besonders aber für Henry Blau aus Lüssow, dem Züchter der zehnjährigen Mecklenburger Stute Love Dance, die mit Philipp Schober (Rothenburg/Sachsen) das Springen gewann.
Am Donnerstag im internationalen Eröffnungsspringen war es der 26-jährige Richard Robinson aus Sommerstorf, der die 94-köpfige Konkurrenz hinter sich ließ. Der Brite saß im Sattel des zehnjährigen Chaplin und war knapp eine Sekunde schneller als Junioren-Europameisterschaftsteilnehmer Tobis Meyer auf Annabell. Erstmals brachte Thomas Kleis (Schloß Wendorf) sein neues Pferd Cousteau an den Start. Der neunjährige Carolus I-Sohn machte einen sehr guten Eindruck, blieb strafpunktfrei und wurde platziert.
Auch das Mächtigkeitsspringen entschied der Sachse Philipp Schober bei einer Mauerhöhe von 2,10 Meter für sich. Nach einem Mauerfehler wurde Heiko Schmidt mit Galan, der an diesem Tag zum zweiten Mal im Einsatz war, wie fünf andere Teilnehmer Zweiter.
Heiß begehrt ist bei internationalen Springturnieren die Youngster-Tour der sieben- bis achtjährigen Pferde, die in den internationalen Sport hineinwachsen sollen. Schon die erste Qualifikation am Donnerstag fing für MV gut an, als Heiko Schmidt mit dem siebenjährigen Mecklenburger und Vizeweltmeister der jungen Springpferde, Coco (v. Cellestial), Zweiter wurde. Mit einer Sekunde Rückstand folgte Holger Wulschner mit dem Kempke Hof-Hengst Cypriano auf dem 4. Platz. Auch Thomas Kleis blieb auf seinem Hengst Lando-Lindo ebenso wie Martin Wissenbach (Sommerstorf) auf Cervo fehlerfrei. Beide konnten sich platzieren.
Holger Wulschner steuerte am nächsten Tag einen 3. Platz auf dem Hengst Acomet bei, der sich im Besitz des Turnierleiters Herbert Ulonska befindet. Im Finale am Sonntag schlug die Stunde für Richard Robinson. Mit dem achtjährigen Schimmel Carlucci hat der Brite ein Weltpferd unter dem Sattel, auf dem er bereits am Freitag Vierter wurde. In der zweiten Phase des S-Springens demonstrierte das Paar aus Sommerstorf seine ganze Klasse und siegte in 30,59 Sekunden. Im internationalen Sport noch nicht so erfahren ist der aus Estland stammende 24-jährige Jüri Sokolowski, der für den Stall Vineta aus Altenhagen bei Demmin reitet, der von der Spedition Martens aus Kemnitz bei Greifswald betrieben wird. Mit der achtjährigen Schimmelstute Bacardie, die sonst von Christoph Lanske geritten wird, wurde er bereits am Freitag bei fehlerfreiem Ritt Sechster. Im Finalstechen ritt das Paar voll auf Angriff und war am Ende auf dem 2. Platz nur eine Zehntelsekunde langsamer als der Sieger. Auch Katharina Mahnel (Garlitz) blieb zur Freude des Besitzers Kurt Träger auf Sandro Queen fehlerfrei und wurde ebenso platziert wie Martin Wissenbach auf dem polnischen Hengst Cervo.
Mit Spannung erwarteten die Besucher der Graf-von Lindenau-Halle auch das Finale der Junior-Future-Tour. In dieser Serie, von Bernd Peters, dem Jugendtrainer aus Brandenburg ins Leben gerufen, messen sich im Flair des internationalen Turniers Reiter bis 23 Jahre, die im Finale ein S-Springen zu absolvieren hatten. Von den 31 Startern erreichten acht das Stechen, darunter drei aus Mecklenburg-Vorpommern. Die 18-jährige Nicole Boller aus Dummerstorf blieb auf dem von Mutter Petra gezogenen Gaudos erneut fehlerfrei und kam mit 37,76 Sekunden auf den 2. Platz. Der Sieg ging nach Sachsen-Anhalt an Roy Bartels, der für seinen fehlerfreien Ritt auf Glam Slam 37,04 Sekunden benötigte. Sechster und Siebenter wurden Steffen Lubahn (Schmarsow) mit Gydan (4/38,32) und Michaela Jörke (Schönberg) mit Giowina (4/41,96), die den Sieg fast in der Hand hatte. In der Einlaufprüfung am Tag zuvor war Michaela Jörke die Schnellste, hatte aber einen Abwurf (7.). Hier schaffte auch Sven Sternekieker (Sommerstorf) mit Wicenzo eine Platzierung (10.). Die Teilnehmer aus MV, zu denen außer den Genannten Susann Eckwert mit My Monique und Ronja Bergmann mit Candy Girl gehörten, wurden sehr gut von Heiko Schmidt betreut. Dafür möchten sie sich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken.
Zu drei weiteren Siegen kam Holger Wulschner im Verlauf des Turniers. In zwei Youngster-Springen für sechsjährige Pferde wurde er abwechselnd Sieger und Zweiter auf den beiden Zuchthengsten Capo Cassione vom Gestüt Kempke Hof und Class de Luxe, der sich im Besitz von Siegfried Kludt befindet. In diesen Springen konnte sich auch Astrid Dreier (Groß Viegeln) zweimal auf Kapstadt platzieren, mit der sie im November an gleicher Stelle das Epona-Länderchampionat gewann. Aus dem spektakulären KO-Springen, in dem zwei Reiter auf zwei identischen Parcours jeweils gegeneinander starten, von denen der Beste eine Runde weiter kommt, ging Holger Wulschner auf Phill als Sieger hervor.
In den internationalen Amateurspringen war MV diesmal nur mit Janine Stechow (Kühlungsborn), Denise Hagemann (Vorder Bollhagen) und Christian Heck (Neu Benthen) vertreten. Alle drei schlugen sich wacker. Es gab aber nur eine Platzierung auf dem 8. Platz durch Christian Heck auf Lugano. Dreimal musste sich der 26-jährige Geschäftsführer der Firma Heck & Humus mit dem ersten Reserveplatz zufrieden geben. Die spektakulärsten Siege in dieser Tour gelangen Terese Lindroth auf Latino, Ulrike Pöls auf Little Kimba und Julia Mackerodt (Immenrode) auf Rialta. Letztere gewann auch die Einlaufprüfung der Junior-Future-Tour.
Einer der Turnierhöhepunkte waren zweifellos auch zwei Ponyspringprüfungen, mit dem Finale der Pony-Challenge, der 12 Qualifikationen in Deutschland voraus gingen. Initiator Volker Kämper aus dem Rheinland war selbst anwesend und überreichte die wertvollen Preise. Die Besucher bekamen von den besten Ponyreitern aus Deutschland atemberaubende Ritte bei Hindernishöhen bis 1,35 m zu sehen. Im Stechen, bei dem im Renngalopp geritten wurde, setzte sich die 13-jährige Deutsche Meisterin Laura Klaphake (Mühlen) mit ihrem 17-jährigen Pony Jerome durch. Vater Josef Klaphake, die rechte Hand von Paul Schockemöhle, strahlte ebenso vor Freude wie seine Tochter, die einen nagelneuen Zwei-Pferdeanhänger gewann. Miriam Zell aus Gahlen/Rheinland, ebenfalls erst 13 Jahre, Siegerin des Großen Preises von Elmlohe 2007 und Schwester der Vize-Europameisterin Caroline Zell, die wegen einer Verletzung nicht starten konnten, wurde auf Pamira W Zweite und durfte nach der Siegerehrung einen Markensattel ihr Eigen nennen. Das Finale der Pony-Challenge war mit 3.000 Euro Preisgeld die höchst dotierte Ponyprüfung, die es je in Deutschland gab. Einzig Bedrückendes: Die Prüfung hat gezeigt, wie weit der Ponysport in MV zurück geblieben ist.
Insgesamt war das Vier-Tage-Turnier, bei dem 31 Wettbewerbe mit 73.100 Euro Dotierung auf der Agenda standen, nach Einschätzung von Turnierleiter Herbert Ulonska (Hamburg) "ein großartiger Erfolg". Gratulation an den technischen Leiter Jörg Schreiter, der den Hallenboden mit seiner Crew spitzenmäßig hergerichtet hat, der jedem internationalen Vergleich Stand hält. Das gilt auch für den neuen Boden in der Abreithalle. Rund 14.000 Zuschauer kamen von Donnerstag bis Sonntag. "Damit stoßen wir an unsere Kapazitätsgrenze, mehr geht nicht", sagte Ulonska. Die Besucher erlebten ein vielseitiges Programm, in dem auch die Pferdezucht mit der Gala-Hengstschau des Gestüts und die Unterhaltung zu ihrem Recht kamen. "Neustadt ist unser Lieblingskind", resümierte Herbert Ulonska. "Hier gibt es so viel Potenzial, so dass wir nun gezielt über ein Sommerpendant mit einem Freilandturnier nachdenken." Das CSI selbst, das im kommenden Jahr sein 10. Jubiläum erlebt, soll vor allem in seiner Qualität weiter gesteigert werden.
Franz Wego
Kommentar von Alois Pollmann-Schweckhorst zu seinem Start mit Chacco-Blue:
"In Neustadt haben wir ein professionelles Management vorgefunden, das jeder Witterung getrotzt hat. Die festen Boxen waren sogar beheizt. Daran sollten sich andere internationale Veranstalter ein Beispiel nehmen. Der Start mit dem Mecklenburger Chambertin/Contender-Sohn Chacco-Blue im Großen Preis war nicht geplant, er sollte nur bei den Hengstspringen gehen. Nach diesen Prüfungen hatte ich aber ein gutes Gefühl und da ich kein Pferd für den Großen Preis hatte, weil ein Pferd verletzt (Hufgeschwür) und ein weiteres nicht in Form war, entschied ich mich in Absprache mit Paul Schockemöhle, Chacco-Blue für den Großen Preis zu satteln. Paul sagte noch, ich solle im Stechen nicht so viel riskieren. Trotzdem bin ich zügig geritten und über den dritten Platz sehr zufrieden. Manchmal muss man zum Glück gezwungen werden. Aber man kann nicht immer ganz vorn sein. Chacco-Blue ist übrigens der Lieblingshengst von Paul Schockemöhle und wird stark in der Zucht eingesetzt. Im Gestüt Lewitz gibt es bereits über 200 Fohlen von ihm. Ich werde ihn bis zur Decksaison reiten und dann erst wieder ab dem Spätsommer".